Okt 102016
 

Vom 19. bis 21. September 2016 fand in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte und Forschungsinstitution in Jersualem, ein internationaler Workshop im Rahmen der »European Holocaust Research Infrastructure« (EHRI; www.ehri-project.eu) statt. Drei Tage diskutierten Vertreter international renommierter Archive, Filmhistoriker, Filmemacher und Produzenten über den Umgang mit Bildern des Holocaust im digitalen Zeitalter. Ein Zusammentreffen, das wiederholt werden sollte, stand am Ende fest.

Foto: Kuppel der Erinnerung in Yad Vashem (links); Bild rechts: Teilnehmer des EHRI-Workshops © Hoffmann

Foto: Kuppel der Erinnerung in Yad Vashem (links); Bild rechts: Teilnehmer des EHRI-Workshops © Hoffmann

In seiner Begrüßung stellte Haim Gertner, Archivdirektor in Yad Vashem, den Umfang ihrer Sammlungen vor mit 190 Mio. Dokumenten, die zu 75 Prozent digitalisiert sind, knapp 500.000 Fotos und 127.500 Aussagen von Überlebenden. EHRI sei ein wichtiges Projekt, die Bestände verschiedener Archive international zu vernetzen und zugänglich zu machen. Efrat Komisar, die das Filmarchiv leitet, zeigte am Beispiel eines überlieferten Amateurfilms aus Polen, wie es ihnen gelungen ist, den Ort zu lokalisieren und den Film so in einen Kontext zu stellen. Hilfreich waren dafür Entfernungsschilder im Film, die Kirche, Google Maps und jüdischen Geschäftsschilder in einer Straße. Dadurch ließ sich der Ort finden und über die Aussagen von Zeitzeugen konnten Informationen zum jüdischen Leben zusammengetragen werden. Sie fanden auch heraus, dass das Fußballspiel in dem NS-Propagandafilm über Theresienstadt 1944 nicht inszeniert wurde, sondern regelmäßig stattfand. Den aktuellen Stand der Forschung zu diesem Film erläuterte Natascha Drubeck von der FU Berlin, die sich auch Gedanken darüber machte, was eigentlich unter Holocaust-Material zu verstehen ist. Astrid Sy ist Repräsentantin von Yad Vashem in Holland und sucht dort nach Filmmaterial, das jüdisches Leben zeigt. Zum Teil findet sie sehr spannende Details in Amateurfilmen, wenn im Hintergrund beispielsweise ein jüdisches Kaufhaus oder der Synagoge zu sehen ist. Ein einmaliger Bestand sind die Interviews mit Überlebenden und Zeitzeugen, die im Steven Spielberg Jewish Film Archive gesammelt sind. Deborah Steinmetz wies auf das Problem hin, dass sie alle elektronisch aufgenommen wurden und nun langfristig gesichert werden müssten.

yadvashem 3_900pxLindsay Zarwell vom US Holocaust Memorial Museum in Washington stellte ihre Kollektion von 1500 Stunden Material vor, das zu 99 Prozent online verfügbar ist. Sie stellte ein Projekt vor, bei dem zusammen mit dem Filmmuseum Austria 50 Amateurfilme aus Österreich der 1930er/40er Jahre online gestellt wurden (http://efilms.ushmm.org/). Jeder Film wurde Bild für Bild digital gescannt. Detaillierte geographische, historische und andere wissenschaftliche Annotationen sind in einer umfassenden Datenbank enthalten und können online abgerufen werden. Dies war ein herausragendes Beispiel, wie heute Archivbestände öffentlich zugänglich gemacht werden können. Ein neues Projekt beschäftigt sich mit Aufnahmen der Alliierten von der Befreiung von Konzentrationslagern. Eine Detailstudie zu den sowjetischen Filmaufnahmen der Befreiung von Auschwitz Anfang 1944 lieferte Valérie Pozner aus Paris. Dabei konnte sie aufzeigen, dass viele der Aufnahmen nachinszeniert werden mussten, da ihnen zu Beginn Scheinwerfer fehlten. Auf die schwierige Situation der Archive in der UdSSR verwies Vanessa Voisin, die in einem Forschungsprojekt versucht hatte, sowohl Wochenschau-Material als auch Out-Takes eindeutig zuzuordnen. Dafür musste sie zunächst intensiv die verschiedenen Archivstandort und Bestände aufarbeiten. Jeremy Hicks von der Queens University in London analysierte die Behandlung des Holocaust in dem sowjetischen Kompilationsfilm »The Great Patriotic« von 1965.

Linda Levi und Minda Novek stellten die Filmsammlung des American Jewish Joint Distribution Committee in New York vor, die ihre weltweiten Hilfsaktivitäten auf Film dokumentierten. Karl Griep, langjähriger Leiter des Filmarchivs im Bundesarchiv Berlin, und Nikolaus Wostry vom Filmarchiv Austria stellten ihre enormen Bestände vor, die nur zu einem kleinen Teil online gesichtet werden können. Wostry plädierte vehement für eine Archivierung auf analogem 35mm-Material.In einem Imagefilm stellte Hermann Poelking-Eiken die Bestände der Agentur Karl Höffkes vor (www.archiv-akh.de), die eine Sammlung von von 3000 Stunden umfasst. Oft sind die Amateurfilme, die von ihnen kommerziell ausgewertet werden, digital gescannt und überarbeitet sowie ihr Inhalt akribisch erfasst. Dadurch ist eine detaillierte Suche und eine Online-Sichtung des Materials möglich.

Archivmaterial, das im Prozess
gegen Eichmann gezeigt wurde

René Kok vom NIOD Institut in Amsterdam ging auf die Hintergründe des Films ein, der 1944 im Durchgangslager Westerbork gedreht wurde. Von dort wurden holländische Juden mit Zügen in die Vernichtungslager deportiert. Die Aufnahmen entstanden im Auftrag des Lagerleiters. Alexander Zöller von der Filmuniversität Babelsberg und Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms gingen auf die Produktionshintergründe des NS-Propagandafilms zum Warschauer Ghetto und die Verwendung dieses Materials zwischen 1956 (»Du und mancher Kamerad«) und 1965 (»Der gewöhnliche Faschismus«) ein. Es war auffällig, dass vor allem die Aufnahmen des Elends und der Toten als Dokumente vom Alltag im Ghetto eingesetzt wurden. Eine vorbildliche Analyse der Amateuraufnahmen des deutschen Marinesoldaten Reinhard Wiener von Judenerschießungen in Liepaja im Baltikum lieferte Tobias Ebbrecht-Hartmann von der Hebrew Universität in Jerusalem. Dieser sehr kurze Film wurde beim Eichmann-Prozess als Beweismittel eingesetzt. In Dokumentarfilmen über NS-Zeit ist er Beleg der Verbrechen im Zweiten Weltkrieg und wird inzwischen sogar re-inszeniert. Von daher hat das Material mehrere Funktionswechsel gehabt. In einem Interview mit Yad Vashem erläuterte Wiener die Hintergründe und technischen Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten.

Wie vorsichtig man als Filmemacher mit historischem Material umgehen sollte, erläuterte der polnische Filmemacher Dariusz Kowalski. Für einen seiner Filme hatte er zwar historische Aufnahmen gefunden, konnte sie aber nicht eindeutig zuordnen. Von daher verzichtete er darauf. Die renommierte israelische Filmemacherin und Produzentin Noemi Schoeri kennt diese Probleme sehr gut. Sie hat für das Yad Vashem Museum über 100 Filme zum Holocaust zusammengestellt. Sie war auch die Produzentin des Films »Geheimsache Ghettofilm« (2009) von Yael Hersonski, der die Produktionshintergründe des NS-Propagandafilms im Warschauer Ghetto analysiert. Schoeri beklagte, wie schwierig manchmal sei, an historisches Material heranzukommen und welche Preise zum Teil aufgerufen würden. Insgesamt war es ein sehr anregender Workshop und in der Schlussrunde war man sich schnell einig, dass er fortgesetzt werden müsste.

(Kay Hoffmann)

Foto: Szene aus »Geheimsache Ghettofilm« © Noemi Schoeri

Foto: Szene aus »Geheimsache Ghettofilm« © Noemi Schoeri